#2 Hannover – Christmas Blues

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Klappentext:

Mina ist gefangen im Alltag. Das Muttersein fällt ihr schwer, aber ihre Söhne machen es ihr auch nicht gerade leicht. Die Zeit mit ihrem Mann kommt immer viel zu kurz und beruflich ist sie weit unter ihren Möglichkeiten geblieben, was sich oft in Selbstzweifeln widerspiegelt.
Doch es ist Weihnachtszeit und in diesem Jahr wird auch ihr Wunsch nach mehr Zeit für sich erfüllt, oder doch nicht?

Leseprobe:

Christmas Blues

Lust hatte ich keine. Jedes Jahr derselbe Ablauf. Stundenlanges Aufbrezeln, mit Auto zur Weihnachtsfeier in dieses stinklangweilige Hotel am anderen Ende der Stadt heizen, da ich grundsätzlich immer zu spät dran war. Schuld an meinem miesen Zeitmanagement waren meine zwei Kinder, die mich regelmäßig in den Wahnsinn trieben. Sie spürten es, wenn ich etwas vor hatte und gaben dann richtig Gas. Beschmierten mein Outfit, gern auch ihr eigenes, warfen mit Essen um sich oder kotzten alles im unpassendsten Moment wieder aus. Die zwei führten sich einfach unmöglich auf, so dass es mir schwerfiel, sie an diesem Abend mit der Babysitterin allein zu lassen.
Irgendwie hatte ich es jedenfalls in meinen Wagen geschafft und fragte mich beim Blick in den Rückspiegel, warum ich eigentlich eine Stunde im Bad gestanden hatte. Mein Lippenstift war verschmiert, meine Hochsteckfrisur glich einem lockeren Dutt und unter meinen Armen wuchsen die Schweißflecken. Zeit zum Umziehen hatte ich nicht mehr und der Schnuppertest bewies, dass ich mich noch unter die Leute trauen konnte. In spätestens drei Stunden interessiere sich eh keine Sau mehr, ob der Tanzpartner frisch geduscht war. Ich drehte das Radio auf und ließ mich von Dean Martins ‚Christmas Blues‘ einstimmen.
Zwanzig Minuten nur für mich.
Als ich im Landhotel „Zur Auszeit“ ankam, herrschte bereits reges Treiben und jeder Kollege hatte entweder die Hand am Glas oder am Nachbargesäß. Du liebe Güte. Ich rollte mit den Augen. Jetzt ging das mit dem Begrabschen schon vor der Rede des Chefs los. Reviere wurden markiert und die Slots für die flotten Nummern gebucht. Die süßen kleinen Azubinen waren Freiwild und wussten gar nichts mit den Avancen der alten Säcke, die um sie buhlten, anzufangen. Gut, dass wir niemanden unter 18 Jahren einstellten. Es wäre der glatte Ruin der Firma, wenn die Hälfte der Angestellten ein Verfahren am Hals hätte.
Nach einem kurzen Abstecher in der Damentoilette, um zumindest äußerlich zu retten, was zu retten ging, waren bereits die ersten keuchenden Stimmen aus der benachbarten Behindertentoilette zu vernehmen. Wie im Puff ging es hier zu – nur mit dem Unterschied, dass an diesem Abend alles auf Kosten der Firma ging.
Marco, seit zwei Jahren mein Chef, hielt die Rede, die ich ihm gestern noch schnell geschrieben hatte und zog mit seinem Charme alle Frauenaugen auf sich. Er sah wirklich gut aus in seinem dunkelgrauen Anzug. Zu gut. Auch ich wurde hin und wieder schwach in seiner Nähe. Und das war nicht gut. Unprofessionell sogar. Auf dieses Niveau, am Arbeitsplatz ganz öffentlich rumzumachen, wollte ich mich doch gar nicht erst hinablassen. […]