Warum Kurzgeschichten und Novellen sich durch mehr als die Textlänge unterscheiden

 Von Tanja Hanika

 

Oftmals höre ich Schreiberlinge davon sprechen, ob sie „noch Kurzgeschichten oder schon Novellen“ schreiben, als sei die Textlänge das einzige Kriterium, das die beiden Gattungen voneinander unterscheidet. Natürlich gibt es einige Merkmale, die beide Textgattungen in sich vereinen, aber es gibt noch mehr, was sie voneinander trennt.

Damit du nicht denselben Fehler begehst, und die Begriffe benutzt, als wären sie austauschbar, hier eine Übersicht:

Merkmale einer Novelle, die mit denen einer Kurzgeschichte übereinstimmen:

  • Es kommt nur eine geringe Anzahl von Figuren in der Geschichte vor. Diese haben kaum Tiefe, werden nur so weit wie nötig beschrieben/charakterisiert und entwickeln sich nicht weiter.
  • Die Kurzgeschichte ist oft vom Setting her nicht genau zuzuordnen. Weder Schauplatz noch Zeit, in der sie spielt, werden genau benannt. Auch die Novelle bleibt zumindest sehr vage, was Hintergrundinformationen betrifft.
  • Beide Erzählformen lassen unlineares/nicht chronologisches Erzählen zu. Zeitsprünge sind zum Spannungsaufbau möglich, bei der Novelle allerdings üblicher.
  • Rhetorische Stilmittel und die Deutung derer seitens des Lesers sind ein wichtiger Aspekt beider Textformen.

 

Merkmale einer Novelle, die mit denen einer Kurzgeschichte NICHT übereinstimmen:

  • Es kann bei Novellen mehrere Protagonisten geben. Bei Kurzgeschichten tritt selten mehr als ein Protagonist auf.
  • Wie Goethe es damals formulierte, geht es in der Novelle um eine „unerhörte Begebenheit“. In der Kurzgeschichte geschieht zwar auch etwas Erstaunliches, aber das kann man breiter auslegen. In Kurzgeschichten werden durchaus auch Alltagssituationen aufgegriffen. Nicht aber in Novellen, sie erzählen etwas Besonderes.
  • Das Geschehen in der Novelle ist zwar besonders, muss aber gleichzeitig glaubhaft sein. Diese Einschränkung darf bei Kurzgeschichten (bis zu einem gewissen Grad) aufgebrochen werden.
  • Dadurch, dass es um solche besonderen Situationen geht, spielt das Verhalten der Figuren darin eine große Rolle. Oftmals erfährt man über deren Innenleben und Charakter in Novellen mehr als in Kurzgeschichten.
  • Eine Kurzgeschichte schließt (meist) mit einem Twist oder einer Pointe ab. In der Novelle hingegen kann es mehrere Wendepunkte geben. Gerade diese Wendepunkte unterliegen dem zentralen Hauptthema und bilden nicht erst den Schlusspunkt, da sie auf Schicksalsschläge oder drastische Veränderungen/Vorkommnisse im Leben der Figuren eingehen.
  • Die Binnenhandlung einer Novelle wird oft durch die Rahmenerzählung eingeleitet und abgeschlossen. Eine solche Einbettung findet bei der Kurzgeschichte nicht statt, da deren Handlung unmittelbar im Geschehen einsetzt.
  • Am Ende der Novelle schwingt oft eine gewisse Lehre oder Moral mit. Der Leser lernt aus den Begebenheiten, die den Figuren wiederfahren sind. Am Ende einer Kurzgeschichte steht hingegen eine Pointe oder ein Twist.

 

Es wird durch den Vergleich beider Textgattungen also deutlich, dass gerade das Thema der Erzählung neben den formalen Texteigenschaften die Trennung beider ermöglicht und auch relevant macht.

Egal wie lange der Text ist: Wer eine Novelle schreibt, hat keine Kurzgeschichte verfasst, nur weil sie eine ähnliche Textlänge hat wie letztere. Eine korrekte Differenzierung macht einen eindeutigen Austausch über den Text möglich und deswegen finde ich diese wichtig.

Egal, ob Novelle oder Kurzgeschichte, ich wünsche dir viel Erfolg beim Schreiben deiner nächsten Geschichte.


 

(C) D. Pfingstmann

Tanja Hanika ist Autorin von Horror- und Schauerromanen und Verfasserin vom »Arbeitsbuch für Schriftsteller«. Geboren wurde sie 1988 in Speyer, studierte in Trier Germanistik und zog anschließend in die schaurig-schöne Eifel, wo sie mit Mann, Sohn und Katze lebt. Seit sie mit acht Jahren eine »Dracula«-Ausgabe für Kinder in die Hände bekam, schreibt und liebt sie Gruselgeschichten.

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